Emilia Galotti
Der Stein
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Schauspiel von Marius von Mayenburg
Kleines Haus
Aufführungsdauer 1 Stunde 30 Minuten. Keine Pause.
Regie
Bühne und Kostüme
Dramaturgie
60 Jahre sind eine lange Zeit. Als die alte Witha 1993 in das Haus in Dresden zurückkehrt, das sie 1935 zusammen mit ihrem Ehemann Wolfgang einer jüdischen Familie abgekauft hat, sind fast 60 Jahre vergangen. 60 Jahre, in denen viel passiert ist – in Deutschland und im Leben von Witha.

Witha hat ihren Mann früh verloren, sie war lange Jahre nicht in ihrem Haus und könnte nun hier zur Ruhe kommen, zusammen mit ihrer Tochter Heidrun und ihrer Enkelin Hannah. Doch in diesem Dresdner Haus stürzen zu viele Erinnerungen auf die alte Dame ein: das Glück des Einzugs (1935), die verheerende Bombennacht und Wolfgangs Tod (1945), ihre hastige Republikflucht in den Westen (1953), der einmalige Besuch ‚im Osten‘, in ihrem Haus, das jetzt von anderen Menschen bewohnt wird (1978). Und immer wieder schleicht sich dieser Tag im Jahr 1935 in Withas Gewissen, an dem sie mit der Jüdin Mieze im Haus darauf wartet, dass ihre Ehemänner den Kaufvertrag unterzeichnen. Außerdem stürzt urplötzlich eine fremde Frau ins Haus, Stefanie, und behauptet, dieses Haus sei ebenfalls ihr Zuhause. Und dann kommt ihre Enkelin Hannah auf die Idee, in die USA zu reisen und dort die jüdische Familie zu besuchen, der Withas verstorbener Ehemann Wolfgang (Hannahs Großvater) 1935 die Flucht vor den Nazis ermöglicht hat. Withas Welt gerät ins Wanken…

Geschickt verknüpft der junge Dramatiker Marius von Mayenburg in ‚Der Stein‘ fast 60 Jahre deutscher Geschichte zu einem hochspannenden Krimi, der sowohl die Zeit des Nationalsozialismus als auch die innerdeutschen Ver- und Entwicklungen, die mit Gründung und Zerfall der DDR einhergingen, beleuchtet. Alle Geschehnisse stellt der junge Dramatiker mit rasanten Zeitsprüngen dar. Ähnlich wie die Erinnerung an die Erlebnisse bei allen Beteiligten verschwimmt, surreale Dimensionen annimmt oder gänzlich zu erlöschen droht, so hat Mayenburg ein Puzzle der Erinnerungen angefertigt, das der Zuschauer ebenso wie die handelnden Figuren Stückchen für Stückchen zusammenfügen muss. Von 1993 nach 1935 und zurück, plötzlich befinden wir uns im Jahre 1953, dann wieder in 1993, Szenen aus dem Jahr 1945 blitzen auf und gleiten hinüber ins Jahr 1978, eine Begegnung aus 1935 weht vorbei, und schon befinden wir uns wieder in der Gegenwart von 1993. Virtuos und ohne aufwändige Umzüge oder Umbauten durchlaufen die sechs Darstellerinnen und Darsteller die unterschiedlichsten Altersstufen ihrer Figuren und wechseln fliesend zwischen Drittem Reich, DDR und BRD.

Der mazedonische Regisseur Slobodan Unkovski hat mit den Schauspielern ein konzentriertes Kammerspiel erarbeitet, in dem die Grenzen zwischen Realität und Lüge, Erinnerung und Mythos, Erlebtem und Erdachtem verwischen. Die Konfrontation der Frauen wirft Fragen nach Schuld und Verdrängung auf. Allen gemeinsam ist die Flucht vor der eigenen Vergangenheit bzw. deren Mythologisierung. Doch wie lange lässt sich eine sorgsam aufgebaute Familienlegende aufrecht erhalten?

Marius von Mayenburg (Jahrgang 1972) gehört zu den wichtigsten deutschen Dramatikern. Er studierte ‚Szenisches Schreiben‘ an der Hochschule der Künste in Berlin, für seine mittlerweile über zehn Theaterstücke erhielt er u.a. den Kleist-Förderpreis für Junge Dramatiker und den Preis der Frankfurter Autorenstiftung. Seit 1999 arbeitet er als Dramaturg und Hausautor an der Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin.

Der mazedonische Regisseur Slobodan Unkovski hat an zahlreichen Bühnen in den Ländern des ehemaligen Jugoslawien, in Italien, Russland, Belgien, den USA und in Griechenland inszeniert. Er gastierte bei der Theaterbiennale NEUE STÜCKE AUS EUROPA in Wiesbaden mit ‚Schienen’ von Milena Markovic´ (2004) und mit Dejan Dukovskis ‚Die andere Seite’ (2006). In der Spielzeit 2006/07 inszenierte er am Staatstheater Wiesbaden Biljana Srbljanovics Schauspiel ‚Heuschrecken’.
Franziska Werner (...) steigert sich als expropriierte ‚Störerin‘ Stefanie von Mal zu Mal mehr in eine sperrig-reflektierte Intensität, wie man sie von Fritzi Haberlandt kennt.

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 04.10.2009


Für das Wiesbadener Staatstheater lässt der aus dem heutigen Mazedonien stammende Regisseur Slobodan Unkovski es gespenstisch angehen. [Es] entwickelt sich ein Konversationsstück, das den Schauspielerinnen einiges abverlangt: Von einer Sekunde auf die nächste müssen sie Alter und Tonlage wechseln. Das gelingt, indem alles dem Zweck dient, die Geschichte so konzentriert zu erzählen, wie von Mayenburg es vorgibt. Und fast noch ernster. Stefanie Hellmann als jüdische Hausbesitzerin tritt als nicht pathetische, aber doch herbe Tragödin auf, Franziska Werner ist ein höchst verstörtes DDR-Mädchen (...). [Susanne] Bard wechselt virtuos von der jungen Gattin zur leicht verwirrten Alten. Eva-Maria Damasko ist als Enkelin stolz und ahnungslos. In der Tochtergeneration erreicht die Lüge ihre hysterische Variante: Dorren Nixdorf zeigt zweifelslos einen Menschen, dessen Leben einstürzen würde, wenn sie die Wahrheit erführe.

Frankfurter Rundschau, 05.10.2009


Am Ende starker Beifall für einen starken Abend, für die Premiere von Marius von Mayenburgs Stück ‚Der Stein‘ in der Inszenierung von Slobodan Unkovski. ‚Der Stein‘ ist ein raffiniert gestanztes Puzzle, das sich der Zuschauer selbst zusammensetzen muss – dies gleichermaßen mit Anspannung und Vergnügen tut. Slobodan Unkovski hat sich das Konzept des Autors kongenial einverleibt. Der Regisseur blickt einerseits mit fast unglaublicher Genauigkeit auf die einzelnen Charaktere, verliert andererseits das Ganze dabei jedoch nie aus dem Blick – mit herrlich fließenden Übergängen, mit Anschlüssen famoser dramaturgischer Intelligenz. Im Haus-Kasten einer Ein-Raum-Bühne (Angelina Atlagic) setzt er anstelle von inszenatorischem Firlefanz ganz auf (…) die Stärke des Textes. Und das funktioniert nicht nur, es überzeugt, hinterlässt Faszination. Fünf starke Schauspielerinnen (Susanne Bard, Doreen Nixdorf, Eva-Maria Damasko, Stefanie Hellmann, Franziska Werner) und ein starker Schauspieler (Uwe Kraus) sind die letztendlichen Garanten für das Gelingen dieses Abends. Auf den Punkt sprechend, kein Überspielen, ganz auf der Linie des Regisseurs – man meint, die hätten sich für dieses Stück gesucht und gefunden. Ein Theaterabend über Schuld und Verdrängung, bewusstes Schönreden und einfaches Vergessen, Missverständnisse und Umdeutungen, Lebensgeschichten und Zeitgeschichte; und das alles nicht als Lehrstück – sondern als 90 Minuten Theaterlust. Chapeau!

Wiesbadener Kurier / Tagblatt, 05.10.2009


Susanne Bard spielt ein ganzes Leben, 60 Jahre, im rasanten Wechsel. Eindrücklich. Slobodan Unkovski inszeniert ein dichtes, intimes Kammerspiel, bei dem man nie den Überblick verliert. Obwohl die Handlung wild hin und her springt, quer durch die Zeiten und zurück. Bei diesen irren Zeitreisen zeigen sich die Schauspieler extrem flexibel, vergreisen und verjüngen sich sekundenschnell, werden zur Oma, zum Kind, atemberaubend, perfekt. Wertung: Sehr gut.

Bild, 06.10.2009


Der Autor hat in dem mazedonischen Regisseur Slobodan Unkovski einen sensiblen Interpreten gefunden, der einen filmisch präzisen Ablauf der Szenensplitter mit großem Einfühlvermögen garantiert und das Ensemble auf engstem Raum in subtilem Kammerspiel agieren lässt. Familien-Seniorin Witha, [wird] von Susanne Bard in blitzschnellen Verwandlungen glaubhaft gelebt (…). Ausgezeichnet die Szenen mit der Hausbesitzerin Mieze Schwarzmann, die Stefanie Hellmann mit jener Würde skizziert, die sich deutsche Juden in dieser Zeit bei aller Demütigung bewahren konnten.

Frankfurter Neue Presse, 06.10.2009


Dem mit seinen vielen Zeitsprüngen (…) nicht ganz einfachen Verlauf kommt Regisseur Slobodan Unkovski mit einer sehr sorgfältigen, (…) Erzählweise entgegen. Auf diese Weise gelingt ein spannender, über anderthalb Stunden konsequent durchgearbeiteter Abend, in dem ein starkes Frauen-Ensemble beständig zwischen verschiedenen Lebensaltern wechseln muss. Am grandiosesten gelingt Susanne Bard, wenn sie umschaltet zwischen der trotzig-dementen Alten und der unsicheren jungen Frau, (…). Und die Hysterie, die Doreen Nixdorf bei der Beschwörung der falschen Vergangenheit an den Tag legt, ist auch sehenswert.

Echo Online, 20.10.2009


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